"Jugendbeteiligung online stärken"

17.06.2013

Ein breites Netz an Kooperationspartnern, unter ihnen die Stiftung Demokratische Jugend und die Jugend- und Familienstiftung Berlin, lud am 13. Juni Beteiligungsaktive aus dem gesamten Bundesgebiet ins Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ), um aktuelle Entwicklungen in Jugendarbeit, ePartizipation und Beteiligungslandschaft in einem kombinierten Fachtag und BarCamp zu diskutieren. STARK gemacht! war mit einer Session zur besseren Einbindung der Community in die Umsetzung des Landesprogramms beteiligt.

Das Schlagwort macht seit einigen Jahren die Runde in der Jugendarbeit und mehr als einmal stellen alle Beteiligten an diesem Tag fest, dass sie trotzdem weiterhin Suchende sind auf dem Weg zu einem gemeinsamen Begriff und einer eindeutigen Vorstellung von ePartizipation. Das beginnt bei der Frage nach der richtigen Aussprache des kleinen „e“, hangelt sich entlang an der Frage, wie die traditionell gewachsenen Beteiligungsstrukturen der Jugendarbeit mit digitalen Mitwirkungsmöglichkeiten zusammengehen und endet vielerorts im Detail – dass aber mehr als 50 Aktive mit Pilotprojekten, Ideen und spezifischen Fragen aus dem gesamten Bundesgebiet angereist sind, zeigt, dass die vielen Pflänzchen mittlerweile erste Früchte tragen und es einen beträchtlichen Vorrat an Erfahrungen auszutauschen gibt.

Jürgen Ertelt (Foto: Birk Garkisch / jugendnetz-berlin.de / CC-BY-SA)Der Begrüßung durch Melanie Ebell (LJR Brandenburg), Matthias Specht (LAG Multimedia Brandenburg) und Johannes Zerger (Stiftung Demokratische Jugend) folgt ein Einführungsvortrag über die Bandbreite von digitalen Beteiligungsprojekten, die mit aktuellen Beispielen wie der via Facebook organisierten Fluthilfe entlang der Elbe (etwa in Dresden) oder Protesten auf dem -Protesten in Istanbul (Facebook, tumblr) über den Kontext von Jugendarbeit hinausreicht. Jürgen Ertelt (youthpart / IJAB) lässt dabei auch keine heimische politische Debatte aus – und hat damit natürlich Recht: die NSA-Affäre, die Auswüchse des Urheberrechts und der magentafarbene Anschlag auf die Netzneutralität bedrohen in letzter Konsequenz den freien, gleichberechtigten Austausch im Netz.

Seine Präsentation könnt Ihr mit allen gegebenen Beispielen auf padlet.com/wall/jos13miz nachverfolgen - als Lehren seien hier herausgehoben, dass es neben der Kreation von ansprechenden Angeboten für und mit Jugendlichen noch viel grundlegendere Baustellen für weite Teile der medienpädagogischen Landschaft und der Jugendarbeit im Allgemeinen gibt: Die wenigsten von uns verstehen, welchen Limitierungen wir uns durch die Soft- und Hardware, die wir benutzen, aussetzen. Das Plädoyer zur Nutzung freier Software und der Aufruf zur Politisierung der eigenen Arbeit werden begleitet von der Erkenntnis, dass es in Zukunft mehr noch als heute von Vorteil sein wird, Code wie eine Fremdsprache zu beherrschen. Damit knüpft er an eine ähnlich gelagerte Session auf der diesjährigen re:publica, die hier im Stream zu sehen ist.

Sonja Breitwieser (Foto: Birk Garkisch / jugendnetz-berlin.de / CC-BY-SA)Fränkische Modellprojekte

Sonja Breitwieser (Medienzentrum Parabol e.V., Nürnberg) bewegt den Fokus der Veranstaltung von der Makro- auf die Mikroebene, genauer auf eine Reihe von Modellprojekten im Raum Nürnberg. Die Fortschreibung des Kinder- und Jugendprogramms im Bezirk Mittelfranken etwa begleitete das Medienzentrum Parabol mit der Plattform www.deinen-senf.de. Unter dem Motto „Gib deinen Senf dazu!“ konnten registrierte Kinder und Jugendliche über Wikis und Kommentare am Entwurf mitarbeiten, der von den kommunalen Gremien beraten und schließlich mitverabschiedet wurde. Etwas weniger abstrakt, an Fachkräfte gerichtet und letztlich mit großer Resonanz abgeschlossen, wurde ein Projekt, in dem die Leitlinien zur Prävention von Alkoholmissbrauch in der Jugendarbeit in Bayern diskutiert wurden.

Zu den Lektionen zählt, dass es – wie erwartet – nicht reicht, eine Struktur für Kinder und Jugendliche bereitzustellen und dann eine Art Meinungsabfrage durchzuführen.
Die Fachkräfte beteiligten sich nach Meinung von Sonja Breitwieser so bereitwillig, weil das Projekt zur Alkoholprävention ein Thema von (1) hoher Relevanz und (2) sehr nahem Lebensweltbezug für alle Beteiligten behandelte. Das Portal zeichnete eine extreme (3) Einfachheit aus und lieferte neben einem Bewertungstool (Daumen hoch/runter) die Möglichkeit, Kommentare zu ergänzen. Im Umgang mit Kindern und Jugendlichen galt es bei der Umsetzung der Beteiligungsrunden, sie (4) persönlich zu aktivieren und anzusprechen. So wurde ein ähnlich gelagertes Projekt, „Beweg was!“ im fränkischen Fürth, mit einem Bus ausgestattet, der bei Kinder- und Jugendevents in der Region auf die Möglichkeit zur Beteiligung aufmerksam machte. Diese Form der Sichtbarkeit ist klassische Öffentlichkeitsarbeit und führt einmal mehr die bekannte Bedeutung von gekonnter Verzahnung zwischen On- und Offline-Präsenz vor Augen.

Screenshot: laut-nuernberg.deEin aktuelles Projekt, welches das Medienzentrum Parabol im Moment betreut, ist laut!Nürnberg.
Das Programm fördert politische Partizipation von Jugendlichen auf drei Wegen: „laut! Vor Ort“ steht als Ansprechpartner bei Ideen und Konflikten in der jugendlichen Lebenswelt zur Verfügung. Kommunikation mit Politik, Verwaltung, beteiligten Gruppen oder der Schule gehört genauso dazu, wie Projektplanung und Beratung zu Förderungsmöglichkeiten. „laut! TV“ soll als Sendungsformat Öffentlichkeit für die entsprechenden Themen schaffen und „Druck“ aufbauen. In der Sendung, die vier Mal jährlich produziert wird, kommen Jugendliche genauso zu Wort wie VerantwortungsträgerInnen der Stadt Nürnberg. Und schließlich dient das Portal laut-nuernberg.de als Schnittstelle und digitaler Hub für Abstimmungsprozesse.

Kommunikation ist alles

Das Konzept ist seit 2011 um ein Förderprogramm („laut! cash“) und Demokratieworkshops („Jugend mischt sich ein“) gewachsen. Letztlich hat sich neben den genannten Lektionen die Kommunikation gegenüber allen Beteiligten als enorm wichtig erwiesen. Das klingt banal, bedarf aber einer Erwähnung in Anbetracht nicht leerer werdender E-Mail-Briefkästen und um sich wuchernder Verwaltungstätigkeiten. Jugendliche müssen erfahren, was aus ihren Forderungen, Projektvorschlägen und Beschwerden wird, möglichst ohne, dass sie erst mühsam danach fragen müssen. Diesen Service wünscht sich schließlich auch jeder erwachsene Bürger, der sich an einen Ombudsmann wendet, oder jede Kundin, die Verbesserungsvorschläge oder Beschwerden vorzubringen hat.
Die Vortragspräsentation von Sonja Breitwieser findet Ihr auf hier auf jugendbeteiligung-staerken.de.

Sonja Reichmann (Foto: Birk Garkisch / jugendnetz-berlin.de / CC-BY-SA)Den dritten Input zu ePartizipation in Jugendverbänden liefert an diesem Vormittag Sonja Reichmann (LJR Niedersachsen). Die Erkenntnisse und Aufrufe – Tenor: Einfach mal machen! – seien hier nicht wiederholt. Vielmehr geht aus ihrer Schlussanekdote ihre wichtigste Botschaft hervor: In Anlehnung an den Netz-Philosophen Gunter Dueck‎ vermittelt sie den Anwesenden das gute Gefühl, mit ePartizipation auf der Agenda zu der Avantgarde zu gehören. Jeder Trend durchlaufe eine Phasenfolge, in der zuerst wenige ProtagonistInnen einen Trend setzten. Diese VorreiterInnen sorgen mit ihren Positiv-Erfahrungen dafür, dass sich auch der interessierte und aufgeschlossene Teil der breiten Masse öffnet. Schließlich treten die BedenkenträgerInnen auf den Plan, denen gewöhnlich nicht viel mehr einfällt, als dass die Innovation a) zu teuer ist, b) Kinder gefährdet oder c) gar nichts bringe. Doch bevor man sich solchen Endlosdiskussionen stellt, sei es wichtig zu realisieren, dass wir uns an einem Punkt befänden, in dem wir uns mit Fug und Recht als VorreiterInnen fühlen dürfen.

Insofern hat Matthias Specht vielleicht wirklich Recht, wenn er behauptet, dass das „e“ in „ePartizipation“ für „Erster“ steht. Aber es liege nun eben auch an uns, die Ideen von offenen Strukturen zu kommunizieren und zu verbreiten, welche BürgerInnen und Jugendlichen Beteiligung ermöglichen. Auch deshalb sei der Beitrag von Sonja Reichmann mit dem Titel „ePartizipation in Jugendverbänden“, der unter CC-Lizenz in Lutz/Rösch/Seitz (Hrsg., 2012): „Partizipation und Engagement im Netz“ erschienen ist, hier genauso empfohlen wie der Stream von Gunter Duecks „Aufruf zum metakulturellen Diskurs“ auf der #rp13.

#jos13 – das BarCamp am Nachmittag

Einen Einstieg in einen bunten Strauß von ePartizipations-Projekten und –Ansätzen aus ganz Deutschland liefert die Dokumentation des nachmittäglichen BarCamps: 13 Sessions wurden angeboten und sämtliche in Pads mitgeschrieben. So weit möglich, sind in den Pads Links zu den jeweiligen Projekten hinterlegt. Lasst euch treiben, achtet nicht zu sehr auf die Rechtschreibung der Spontan-Mitschriften und – „Ideen weitertragen“ haben wir am Vormittag gelernt – probiert doch beim nächsten Event auch mal einen partizipativen Ansatz aus. Die Session von Daniel Seitz zu Jugendbarcamps sei euch da ans Herz gelegt.

STARK gemacht! beteiligte sich mit einer Session zum Jugend-Demokratiefonds Berlin an dem BarCamp. Roland Geiger, Geschäftführer der Jugend- und Familienstiftung Berlin, diskutierte mit den Teilnehmenden Möglichkeiten, Jugendlichen auch bei der Ausgestaltung und Umsetzung des Landesprogramms "STARK gemacht! - Jugend nimmt Einfluss" mehr Gestaltungsspielraum und Mitspracherecht einzuräumen. Die eine oder andere angesprochene Idee werdet Ihr bestimmt bald in unseren Planungen widerfinden. Das Pad könnt Ihr hier nachlesen.

Die Sessionplanung mit den Links zu den jeweiligen Sessions findet Ihr hier:
http://bit.ly/18yIUzZ

Mehr Informationen zum Fachtag mit Barcamp unter:

Den Live-Mitschnitt der Tagung auf YouTube könnt ihr euch hier anschauen:
http://www.youtube.com/watch?v=ip1VDw1VZzU


Der Fachtag wurde veranstaltet von der Landesarbeitsgemeinschaft Multimedia Brandenburg e.V., der Stiftung Demokratische Jugend und von youthpart in Kooperation mit der Berliner Allianz für ePartizipation, dem jugendnetz-berlin, der Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin (JFSB), dem Landesjugendring Berlin, dem Landesjugendring Brandenburg, Mediale Pfade – Agentur für Medienbildung und dem Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ).


Text: Frank Segert / jugendnetz-berlin.de / CC-BY-SA
Fotos: Birk Garkisch / jugendnetz-berlin.de / CC-BY-SA
Live-Stream: Mediale Pfade und zeitgebilde.de

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